waage-hammer-buecher

Tumor am Ohr: Kampf um die Invalidenrente

Ein Mitarbeiter einer piemontesischen Firma musste arbeitsbedingt über 15 Jahre lang mindestens 3 bis 7 Stunden täglich über ein Mobiltelefon telefonieren.
Nach Jahren haben sich beim Mann Hörstörungen am rechten Ohr ergeben, woraufhin die behandelnden Ärzte einen gutartigen Tumor diagnostizierten. Später verlor der Mann den Gehörsinn am rechten Ohr völlig. Das gesamtstaatliche Institut für Arbeitsunfälle (INAIL), das auch für Berufskrankheiten zuständig ist, wollte ihm aber keine Rente wegen verminderter Arbeitsunfähigkeit gewähren. Der Mitarbeiter zog daher vor das Arbeitsgericht. 
Wie das Gericht entschied:
Die Prozesssache wurde vor dem örtlich zuständigen Landesgericht Ivrea verhandelt, wo der Antrag des Mannes angenommen worden ist (Urteil Nr. 96/2017 vom 30. März 2017).
Im Rahmen des Prozesses wurde eine Reihe von ehemaligen Mitarbeitern des Antragstellers im Zeugenstand angehört. Sie haben allesamt bestätigt, mehrmals täglich mit dem Mann telefoniert zu haben. Die Dauer der Telefonate habe meist 5 bis 10 Minuten, mitunter aber auch eine halbe Stunde betragen, und oft seien die Kontaktversuche vergebens gewesen, da das Telefon besetzt gewesen sei. Der Mann hatte durchschnittlich die Arbeit von ungefähr 15 Mitarbeitern zu überwachen und zu koordinieren und musste darüber hinaus noch viele Telefongespräche mit Vorgesetzten und externen Firmen führen. All dies geschah – oft auch am Wochenende – von zu Hause, dem Auto der Firma aus, und noch dazu mit Mobiltelefonen frühester Entwicklungsstufe, die noch über keinen Freisprechmodus oder Kopfhörer verfügt hatten. Das Gericht erachtete es schließlich für erwiesen, dass der Mann das Handy über 15 Jahre lang arbeitsbedingt „abnormal“ häufig genutzt hatte. Im Laufe des Verfahrens wurde zudem ein Rechtsmediziner als Amtsgutachter bestellt, der dem Mann einen bleibenden Körperschaden von immerhin 23 Prozent bescheinigt hat. Vor allem aber hat der Gutachter den kausalen Zusammenhang zwischen dem Tumor bzw. dem Verlust des Gehörsinnes am rechten Ohr und dem ständigen Telefonieren am Mobiltelefon bestätigt.
Der Antragsteller ist Rechtshändler und der Tumor lag hinter dem rechten Ohr. Die spezielle Tumorart tritt sehr selten auf: bloß bei etwa einer Person auf 100.000. Als ebenso sehr selten betrachtete das Gericht den Umstand, dass jemand von 1995 bis 2010 dermaßen konstant und häufig sein Mobiltelefon am Ohr hielt. Schließlich berief sich der Richter noch auf eine Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2011, worin elektromagnetische Strahlung mit hoher Frequenz als möglicherweise krebserregend eingestuft worden ist.
Das Landesgericht Ivrea hat das INAIL also dazu verurteilt, dem Mann eine Invalidität im Ausmaß von 23 Prozent zuzuerkennen. Nachdem der Mann den entsprechenden Invaliditätsantrag bereits eingebracht hatte, ist das INAIL dazu verurteilt worden, ab dem 121. Tag nach Hinterlegung des Gesuches die Invaliditätsrente samt Zinsen auszubezahlen und dem Mann die Kosten des Gerichtsverfahrens zu erstatten.
  • Veröffentlicht: WIKU

WIKU = wöchentliche Beilage der Südtiroler Tageszeitung Dolomiten, auf Wirtschaftsfragen fokussiert.
Dolomiten = Südtiroler Tageszeitung Dolomiten der Verlagsanstalt Athesia.